[11.11.2008] - Begegnungen - Patrick Gschwend
Deutsche Studenten werden Tschechien-Experten – Neuer Studiengang in Regensburg und Prag
Nicht viele deutsche Studenten lernen Tschechisch. Eine der ersten Adressen
für die, die es dennoch vorhaben, ist die Universität Regensburg. Doch
das dortige Institut für Slawistik bietet nicht nur Sprachkurse an.
Wichtig ist den Verantwortlichen auch eine umfassende Ausbildung in vielen
Fachbereichen – mit dem Fokus auf tschechisch-deutsche Beziehungen. Dazu
hat man nun einen neuen Studiengang eingerichtet.
Wenn man mit der Metro in den Prager Südwesten fährt, erwarten einen
riesige Einkaufszentren mit Shopping Malls, Möbelhäusern und Baumärkten,
außerdem die berüchtigten Trabantenstädte, die angesichts der
Wohnungsnot in den 70er Jahren an den Stadträndern Prags errichtet wurden
– Plattenbauten soweit das Auge reicht. Doch nicht nur zum Shoppen oder
zum Wohnen fahren die Leute hier hinaus. An der Station Jinonice trifft man
immer auch viele Studenten. Denn in Jinonice gibt es eine Außenstelle der
Prager Karlsuniversität. Seit Oktober kann man dort auch 11 Studentinnen
und Studenten aus Regensburg treffen, die im Rahmen ihres Studiums ein Jahr
in Prag verbringen. Eva ist eine der Regensburger Studentinnen. Unter der
Karlsuniversität hat sie sich zwar eher altehrwürdige Bauten im
Stadtzentrum Prags vorgestellt. Enttäuscht ist sie aber von der
Verfrachtung an den Stadtrand nicht.
„Mir war schon klar, dass wir ziemlich viel in der Stadt herumfahren
müssen. Die Fakultät hier in Jinonice gefällt mir aber ganz gut. Es ist
alles ziemlich neu und modern hier. Ich habe also kein Problem damit.“
Für Eva haben also zunächst mal die Lernbedingungen Priorität, denn
schließlich ist sie nicht nur zum Vergnügen in Prag. Sie absolviert
nämlich kein normales Auslandssemester. Ihr Jahr in Prag ist fester
Bestandteil ihres Studiengangs an der Universität Regensburg, der in
Deutschland einzigartig ist. Eva will nämlich einen Bachelor-Abschluss in
Deutsch-Tschechischen Studien machen. Was man sich unter einem Studiengang
mit diesem Namen vorstellen muss, kann sie selbst erklären.
„Der Studiengang Deutsch-Tschechische Studien ist eine Kooperation
zwischen den Universitäten Regensburg und Prag. Das erste Jahr findet in
Regensburg statt, das zweite in Prag. Im dritten Jahr, dem Hauptstudium
studieren wir dann wieder in Regensburg. Abgedeckt werden die Bereiche
Kultur, Literatur, Sprachwissenschaft, Soziologie, Wirtschaft und so
weiter.“
Ein weites Feld also. Und genau das soll der Sinn der
Deutsch-Tschechischen Studien sein. Patricia Schönborn betreut die
Studenten an der Universität Regensburg und arbeitet dort als
Koordinatorin des Studiengangs.
„Das ist ein interdisziplinärer Studiengang mit binationaler
Ausrichtung, das heißt die Studierenden studieren sowohl in Regensburg als
auch in Prag. Sie bekommen dabei Einblick in verschiedene Fachbereiche. Und
da gibt es eine relativ breite Auswahl von Fächern innerhalb derer man
einen Schwerpunkt setzen kann.“
Marek Nekula ist Professor in Regensburg und hat den Studiengang
initiiert. Er betont die Notwendigkeit, dass die Studenten einen
Schwerpunkt setzen, und erklärt, welche Möglichkeiten die Absolventen
nach der Erlangung des Bachelor-Abschlusses haben.
„Man muss selbstverständlich einen klaren Schwerpunkt setzen. Das
bedeutet zum Beispiel, dass, wenn man diesen Schwerpunkt in der
Politikwissenschaft legt, dass man dann im Anschluss Master-Studiengänge
mit politikwissenschaftlicher Ausrichtung studieren kann. Angenommen man
setzt den Schwerpunkt im kulturwissenschaftlichen Bereich, kann man danach
zum Beispiel Vergleichende Kulturwissenschaft studieren. In Regensburg gibt
es auch einen Studiengang mit dem Namen Internationale
Volkswirtschaftslehre. Wenn die Studenten ihren Schwerpunkt im
wirtschaftlichen Bereich setzen, können Sie also danach durchaus auch in
diesem Studiengang ihren Master-Abschluss machen.“
Der Studiengang Deutsch-Tschechische Studien richtet sich also an eine
Vielzahl von Interessenten, denen aber vor allen Dingen eines gemeinsam
ist: das Interesse an Tschechien. Aber woher kommt das Interesse? Teresa,
auch eine Studentin aus Regensburg, die im Oktober ihr zweites Studienjahr
in Prag begonnen hat, hat gute Gründe. Und damit ist sie nicht allein:
„Bei mir gibt es, wie bei einigen anderen auch, familiäre
Hintergründe. Ich habe tschechische Wurzeln. Wir sind hier elf
Studierende, und etwa bei der Hälfte gibt es solche tschechischen Wurzeln
in der Familie. Unter uns gibt es aber durchaus auch welche, die ganz neu
mit den Deutsch-Tschechischen Studien begonnen haben, weil sie sich einfach
für Tschechien interessieren und deshalb diesen Studiengang gewählt
haben.“
Eva zum Beispiel haben andere Gründe dazu bewegt, sich in Regensburg für
die Deutsch-Tschechischen Studien einzuschreiben.
„An Tschechien hat mich vor allem die Sprache gereizt. Ich habe nun die
Möglichkeit noch mal eine Fremdsprache zu lernen.“
Denn Vorkenntnisse in der tschechischen Sprache brauchen die deutschen
Studenten nicht. Im Rahmen ihres Studiums bietet ihnen die Universität
Regensburg aber natürlich Sprachkurse an. Auch sonstige
Zulassungsvoraussetzungen brauchen die Studenten außer dem Abitur nicht.
Jedenfalls noch nicht, wie Professor Marek Nekula sagt:
„Unsere Vision ist, dass die Zahl der Studierenden 15 in Regensburg und
15 in Prag nicht übersteigen sollte. Wenn sich die Nachfrage steigert,
werden wir wahrscheinlich Zulassungsverfahren einführen müssen, aber im
Moment ist das noch nicht der Fall.“
Von einer Vision spricht Marek Nekula vor allem deshalb, weil der
gegenwärtige Jahrgang der Regensburger Studenten, die nun in Prag sind,
der erste überhaupt ist, der mit den Deutsch-Tschechischen Studien
begonnen hat. Das Projekt steckt also noch in den Kinderschuhen. Die
Kooperation mit der Prager Karlsuniversität sieht zudem vor, dass auch
tschechische Studenten in Prag die Deutsch-Tschechischen Studien studieren
können. Hier hat gerade im Oktober der erste tschechische Jahrgang das
Studium aufgenommen, der in zwei Jahren sein drittes Studienjahr in
Regensburg absolvieren wird. In Prag studieren nun also die Studenten aus
Deutschland und die aus Tschechien gemeinsam und können so im
zwischenmenschlichen Bereich ihre neu erworbenen interkulturellen
Kompetenzen direkt anwenden. Es gibt dabei jedoch einige Schwierigkeiten
wie Teresa erzählt.
„Ich muss sagen, dass wir uns gar nicht so oft treffen, denn es gibt
hier gibt ein riesiges Angebot an Vorlesungen und Seminaren, so dass wir
uns zumindest an der Uni gar nicht so oft sehen. Denn jeder sucht sich aus
dem großen Angebot das heraus, was ihn am meisten interessiert.“
Und ist Teresa zufrieden mit den Studienbedingungen in Prag? Gibt es
Unterschiede zum Studium in Deutschland?
„Ich habe das Gefühl, dass es an der Uni ein bisschen chaotischer
zugeht als bei uns in Deutschland. Man braucht viel Eigenengagement und
muss sich selbst gut organisieren. Aber sonst ist es hier sehr schön!“
Die deutschen Studenten haben nun noch fast ein Jahr Zeit sich an die
Gepflogenheiten an einer tschechischen Universität zu gewöhnen und
Freizeit mit ihren tschechischen Kommilitonen zu verbringen. Zunächst aber
stehen in wenigen Wochen die ersten Prüfungen auf dem Programm.
Source: Czech Radio 7, Radio Prague
URL: http://www.radio.cz/de/artikel/110233
© Copyright 1996, 2008 Radio Prague
All rights reserved.