[04.09.2005] - Schauplatz - Gerald Schubert
Tschechiens Geste an deutsche Nazi-Gegner: Ein Resümee
Die Beziehungen zwischen Tschechien und Deutschland
wurden vor wenigen Tagen um einen neuen und durchaus Aufsehen erregenden Aspekt
reicher: Das tschechische Kabinett nämlich hat eine Versöhnungsgeste gegenüber
deutschen Antifaschisten gesetzt, die einst als tschechoslowakische Staatsbürger
aktiv gegen die Besetzung des Landes aufgetreten sind. Radio Prag hat bereits
ausführlich berichtet. In der nun folgenden Ausgabe der Sendereihe Schauplatz,
fasst Gerald Schubert die Ereignisse noch einmal zusammen und bringt einige neue
Aspekte der Geste an die Deutschen:
Vielleicht liegt es daran, dass die Geste gegenüber den deutschen
Antifaschisten aus der ehemaligen Tschechoslowakei nicht mit direkten
Geldzahlungen verbunden ist. Vielleicht hatte der neue Premierminister Jiri
Paroubek auch einfach nur größeren Durchsetzungswillen in dieser Causa. Fest
steht jedenfalls, dass bereits frühere Regierungen ähnliche Schritte vorbereitet
hatten, allerdings ohne Erfolg. Irgendwo in der Planungsphase war sie stets
stecken geblieben, die Geste. Und sei es nur, weil eine Regierungskrise die
Tätigkeit des Kabinetts vorzeitig beendet hat.
So war zuletzt im Juni 2004, als die Regierung des heutigen
EU-Kommissars Vladimir Spidla wegen des schlechten Abschneidens bei der
Europawahl zurücktrat, klar: Die Bemühungen des damaligen Vizepremiers Petr
Mares um die symbolische Entschädigung von Sudetendeutschen, die nach dem Krieg
in der Tschechoslowakei Zwangsarbeit leisten mussten, würden fruchtlos bleiben.
Diesmal aber ging es wie gesagt nicht ums
Geld. Der sozialdemokratische Premierminister Jiri Paroubek wollte in einer
Regierungserklärung jenen Deutschen Anerkennung zollen, die ihrem Heimland
Tschechoslowakei einst treu geblieben waren. Gegenüber Radio Prag erläutert er:
"Es handelt sich um eine Geste gegenüber den früheren
tschechoslowakischen Bürgern deutscher Nationalität, die eine antinazistische
Haltung an den Tag gelegt haben - und zwar sowohl vor Ende September 1938, also
vor dem Münchner Abkommen, als auch danach, im Laufe des Zweiten Weltkriegs.
Viele von ihnen sind nach Kriegsende, in den Wirren der Geschichte, weggegangen,
manche freiwillig, manche weniger freiwillig. Diesen Menschen schulden wir
moralische Anerkennung, und dem wollen die Parteien der Regierungskoalition
Ausdruck verleihen."
Viele Deutsche seien nach dem Krieg auch im Widerspruch zur
damals gültigen Rechtsordnung Repressionen ausgesetzt gewesen. In der Erklärung,
die einstimmig von allen Kabinettsmitgliedern verabschiedet wurde, heißt es
unter anderem: "Die Regierung der Tschechischen Republik drückt all den auf
diese Weise geschädigten aktiven Gegnern des Nazismus, ohne Rücksicht auf ihre
spätere Staatsangehörigkeit oder ihren späteren Aufenthaltsort, ihre
Entschuldigung aus."
Aus der tschechischen Opposition kamen kritische Töne zu
dieser Erklärung. So meint etwa der EU-Abgeordnete und außenpolitische Sprecher
der Demokratischen Bürgerpartei (ODS), Jan Zahradil:

Jan Zahradil
"Wir haben Erklärungen von verschiedenen
politischen Gruppierungen und Interessensvertretern aus Deutschland und
Österreich registriert, die sagen, dass es sich dabei nur um den ersten Schritt
handeln kann. Offensichtlich stellen diese sich also vor, dass danach eine Serie
weiterer Schritte folgt."
Für den ODS-Ehrenvorsitzenden, Staatspräsident Vaclav Klaus,
handelt es sich um eine leere Geste, die die Fragen der Vergangenheit unnötig
auf die Tagesordnung setzt.
Während also in Tschechien die Reaktionen geteilt waren, und
zwar weitgehend entlang der Grabenlinie zwischen Regierung und Opposition, gab
es im Ausland fast nur positives Echo auf den Schritt der Regierung in Prag. Die
CDU-Politikerin Erika Steinbach etwa, die Vorsitzende des deutschen Bundes der
Vertriebenen, erhofft sich einen direkten Dialog zwischen den tschechischen
Politikern und den Sudetendeutschen:
"Ich halte das für einen
wichtigen und guten Schritt in die richtige Richtung. Und ich freue mich darüber
auch deshalb, weil einer meiner Vorgänger als Präsident des Bundes der
Vertriebenen sudetendeutscher Widerstandskämpfer gewesen ist. Vor diesem
Hintergrund freue ich mich, dass jetzt nicht nur für die tschechischen, sondern
auch für die sudetendeutschen Widerstandskämpfer etwas getan wird."
Der außenpolitische Sprecher der deutschen Sozialdemokraten,
Gert Weisskirchen, sagte in einer ersten Reaktion:
"Ich finde, es ist ein wundervolles Zeichen, dass in der
tschechischen Republik nun endlich in der Regierung angekommen ist, was seit
vielen Jahrzehnten in den Dissidentenkreisen und dann später von Vaclav Havel
als eine ausdrückliche Entschuldigung gegenüber denen, die vertrieben worden
sind, angesprochen wurde. Nun endlich hat die Regierung sich das zu Eigen
gemacht. Das zeigt, dass der Prozess der Selbstverständigung innerhalb der
tschechischen Gesellschaft weit vorangekommen ist."
Lediglich aus der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Österreichs kamen kritische Töne. Dort hält man die Geste aus Prag für einen
diplomatischen Trick. Mit Erklärungen alleine sei niemandem geholfen, hieß es.

Radio Prag hat sich mit dem bekannten tschechischen
Publizisten und ehemaligen Dissidenten Petr Uhl über die Geste der tschechischen
Regierung unterhalten. Uhl weist zunächst darauf hin, dass man in diesem
Zusammenhang nicht von einer Geste an "Sudetendeutsche" sprechen soll, wie es
oft fälschlich heißt:
"In dieser Geste ist von ehemaligen
tschechoslowakischen Staatsbürgern deutscher Nation die Rede. Das sind die, die
sich für Deutsche hielten und die für Deutsche gehalten wurden, ohne Rücksicht
darauf, ob sie im Sudetenland gewohnt haben, in Prag oder in Brünn. Ich selbst
habe Prager Deutsche gekannt, und das waren selbstverständlich keine
Sudetendeutschen."
Zum wirklichen Erfassen des Problems reicht es jedoch nicht
aus, bis zum Zweiten Weltkrieg oder in die unmittelbare Vorkriegszeit
zurückzublicken, meint Uhl:
"Meiner Meinung nach ist das ein tieferes Problem dieser
Gesellschaft. Auf dem Gebiet der böhmischen Länder begannen bereits im 19.
Jahrhundert die Tschechen und Deutschen, oder besser gesagt die tschechische und
die deutsche Bourgeoisie, gegeneinander zu wetteifern. Es handelte sich dabei
sowohl um ein wirtschaftliches, als auch um ein gesellschaftliches und
politisches Wetteifern. Und dieses Wetteifern wurde nationalisiert, es wurde als
Kampf zwischen Tschechen und Deutschen dargestellt. Das hat sich dann seit dem
Ende des 19. Jahrhunderts zum Beispiel in dem Mythos der tschechischen
Nationalen Wiedergeburt niedergeschlagen und auch generell in der Konzeption des
Nationalstaats. Des Nationalstaats als ethnische Gruppe, und nicht als
politische Gemeinschaft, wie das überall auf der Welt ist - außer in Mittel- und
Osteuropa."
Dass es in der tschechischen Gesellschaft, und hier vor
allem aus Oppositionskreisen, auch Widerstände gegen die Geste gab, das
verwundert Uhl angesichts solcher Reste tief sitzenden Misstrauens nicht. Aber:
"Ich bin der Regierung von Jiri Paroubek dankbar, die in
diesem Fall die nötige Zivilcourage und den nötigen politischen Mut gefunden
hat, sich auch um den Preis sinkender Popularität - denn ein paar Prozent wird
sie das wohl kosten - zu dieser Geste zu entschließen."
Source: Czech Radio 7, Radio Prague
URL:
http://www.radio.cz/de/artikel/70260
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